Einen Sommer und einen Winter lang



1. Teil   Lisa – Das Liebhaberspiel

 

Sven fühlte mit geschlossenen Augen dem Pulsieren nach.

„Mmmm – das war gut. Woher hast du das alles?“

„Was meinst du?“

„Ja das, was du gerade mit mir gemacht hast. Das war schon irre! Woher hast du das?“

„Man sammelt halt so manches ein – mit der Zeit. Und natürlich von da, wo das Leben so tobt, mein Lieber. Aus dem Kloster.“ Lisa löste sich mit sanftem Zug, glitt von ihm herunter.

„Wo das Leben tobt. Verwechsle ich da was? Du und Kloster!“

Sag das nicht so.“ Lisa drehte sich auf die Seite, stützte ihren Kopf in der Hand ab.

„Wirklich! Ich bin eigentlich in einem Kloster aufgewachsen, in einem Klosterinternat. Reines Mädcheninternat und die ultimative Schule fürs Leben. Das war Sodom ohne Gomorra.“

Sie lehnte sich ein wenig zu ihm, malte Kreise mit ihren Fingerspitzen auf seinem haarlosen, feuchten Bauch.

„War´s schön, ja?“

„Erstklassig! Mit dir könnte man viel Geld verdienen.“

Er wandte den Kopf, sah sie mit zufriedenem Kennerblick an, „Klosterschülerin.“

Das war´s. Im gleichen Augenblick wusste sie, dass diese Beziehung hiermit endete. Nicht allein wegen dieses dummen Spruchs. Sven war einfach zu einseitig begabt und das reichte allenfalls für ‚Dürrephasen‘.

Interessante Männer und guter Sex waren unverzichtbarer Bestandteil ihres Lebens, nur sollte es dann auch schon in dieser Kombination sein.

„Sven, ich muss dir was sagen.“ Ihre Hand beendete die Kreise auf seinem Bauch. „Wir werden uns leider die nächsten sechs bis acht Wochen nicht sehen können.“

„Aha. Fährst du weg?“ Er verschränkte die Hände hinter seinem Kopf, runzelte fragend die Stirn.

„Es gibt da eine dumme Sache. Bei mir wurde heute Mundfäule im Anfangsstadium festgestellt.“

„Was?“ Mit einer heftigen Bewegung wischte er ihre Hand von seinem Bauch, und war schon aus dem Bett.

„Sag mal Lisa: Geht’s noch? Du weißt das und dann legst du dich hier mit mir hin. Du bist doch total durchgeknallt. Wer weiß, was mir jetzt alles abfault.“

Sie streckte ihr Kinn leicht vor, machte große Augen.

„Ach – du hast genug davon, das dauert was, Sven.“

Ein Sekunde lang starrte er sie an, „Du bist bescheuert, Alte. Total bescheuert.“

Unterhose, Jeans und Polohemd unter den Arm geklemmt, die Nike´s wie immer an den nackten Füßen, hetzte er aus dem Zimmer. Gleich darauf hörte sie das Rauschen der Dusche – und noch einmal und wieder.

Sie lag immer noch auf der Seite, den Kopf aufgestützt. Amüsierte sich mit blitzenden Augen und eingeklemmter Unterlippe; Sven wusch und wusch und wusch.

Endlich krachte die Wohnungstür ins Schloss. Sie hatte sich wieder alleine, und das war gut so.

 

Zufrieden zog sie die Decke heran, verkroch sich darunter. Das war heute richtig gut! Svens kraftvolle Männlichkeit war die einzige Gabe mit der er punkten konnte. Aber diese Gabe wusste er einzusetzen, bis man im Nirwana versank. Sie fühlte sich satt und warm!

Aber das war´s dann auch. Und nun war er fort.

Für plötzlich aufkommenden Heißhunger gab es ja noch Maltus, ihren Notnagel. Sie schmunzelte. Der Vergleich gefiel ihr.

Wie auf Zuruf geweckt surrte auf der Kommode neben ihrem Bett das Smartphone. Sie streckte einen Arm unter der Decke hervor, machte sich lang und sah auf das Display: Maltus. Sie legte ihr Smartphone zurück und ließ es surren. Jetzt mochte sie nicht mit ihm reden. Morgen Abend war sie ja ohnehin noch einmal mit ihm verabredet.

Maltus war das, was man eine Jugendsünde nennt. Sie hatte ihn vor Jahren in einer Studentenkneipe in Bielefeld kennengelernt.

Inzwischen sündigten sie nur noch seinem Bedürfnis und der Gewohnheit folgend. Maltus war eher ein durchschnittlicher Liebhaber, und schon längst nicht mehr aufregend oder gar mitreißend. Aber diese Beziehung war so etwas wie ein Zuhause. Ein fester Bezugspunkt, um den herum sie dann ihr wirkliches Leben entfaltete konnte.

Für sie war es in Ordnung, wenn Maltus so lange wie möglich nichts von ihrem Parallel-Leben wusste.

 

Damit spielte sie ein gefährliches Spiel, welches sie nicht gewinnen konnte. Sie ahnte nichts von Maltus´ dunkler Seite. Aber sie sollte diese Seite bald kennen lernen. Danach wird nichts mehr sein, wie es mal war.

 ...


Maltus - ein Ende mit Schrecken

 

Es sollte ein schöner Abend werden. Mario, ein guter Freund, hatte seine Promotion bestanden, war jetzt ein richtiger ‚Doktor‘. Und das wollten sie gebührlich feiern.

Sie feierten in Marios Junggesellen-Bude, für gut zwanzig Leute ein wenig eng, aber urgemütlich. Genossen bei ausgelassener Stimmung Antipasti, Bruschetta, Käse, jede Menge Baguette-Brote und den spanischen Wein. Alles war gut.

Und dann passierte genau das, was schon längst mal hätte passieren können. Wie eine aufklappbare Pappfigur stand Pascal in der Tür, einer ihrer abgelegten Liebhaber. Groß, gut aussehend, immer strahlend, der perfekte Liebhaber – aber mit überaus seichtem Intellekt. Pascal würde sie ausliefern! Sie wusste es intuitiv. Angelehnt an Maltus – vielleicht hielt er sich ja so zurück – lächelte sie ihm entgegen.

„WOW – Lisa. Die Unwiderstehliche. Schön, dich mal wieder zu sehen.“ Sein Blick war aber schon bei Maltus, „Hey, alter Herzensbrecher.“ Er tippte Maltus gegen die Schulter, kniff ihm ein Auge zu, so ‚von Mann zu Mann‘, „Gute Wahl, Alter.“

Sie nippte an ihrem Rotwein, das war Pascal, wie sie ihn kannte: Erbsenhirn und Tennisballhoden. Das war es dann wohl.

„Kennst du den näher?“ Maltus flüsterte, sah sie an, als wüchsen ihr Pilze aus der Nase.

„Leider ja, aus grauer Vorzeit und einem anderen Leben. Ich habe den längst vergessen. Vergiss ihn besser auch.“

„Würde ich zu gern. Ist aber einer unserer Techniker, ein absoluter Idiot. Den in Greifnähe bei dir, das möchte ich mir nicht vorstellen.“

„Dann lasse es auch Maltus.“ Sie angelte sich ein Stück Baguette, nippte an ihrem Rotwein und verfolgte aus den Augenwinkeln, wohin sich Pascal bewegte. Geliefert war sie so oder so. Ein Bekannter von Maltus. Er wird darauf brennen, seine vermeintlichen Erfolge vor ihm auszubreiten. Nur, an diesem Abend würde sie das gerne vermeiden.

...

Aber dann: Maltus nach etlichen Whisky-Cola freudig erregt, traf Pascal im allgemeinen Getümmel. Dieser, im gleichen Zustand wie Maltus, nahm ihn freundschaftlich in den Arm und verschwand mit ihm auf dem Flur.

Lisa wandte sich ab. Sie hätte es wissen müssen. Pascal konnte gar nicht anders. Wahrscheinlich hatte der den ganzen Abend auf diesen Augenblick gewartet.

Der Rest war vorhersehbar. Maltus erschien wieder in der Tür, angespannt jetzt, wies mit dem Kopf nach draußen, „Komm, wir gehen.“

Im Taxi nahm er sie in den Arm, so als wenn nichts wäre. Aber er sprach kein Wort mit ihr. Sie fühlte den Zorn, die Wut, die seinen Körper spannten. Sie würde nicht mehr mit zu ihm in die Wohnung gehen. Besser nicht.

Aber Maltus bestand darauf.

„Du kommst noch mit hoch! Ich muss jetzt mit dir reden. – Und das weißt du auch.“

„Nein Maltus! Wir reden Morgen. Jetzt nicht mehr!“ Sie drehte sich weg von ihm, das Taxi stand noch.

Aber er ließ ihr keine Wahl, nahm sie fest in den Arm und wandte sich mit ihr zur Tür.

...